Zwar erlegte ich „nur“ das Murmeltier „La Marmotte“, aber das Viech entpuppte sich als doch recht zäher Bursche.
Zum Schluss jedoch war es vollbracht.

So zog es mich (Frank) mit Achim, Thomas und Keili nach Frankreich um am 03.07.2010 „La Marmotte“ zu fahren. Die Eckdaten: 8000 Teilnehmer, 175 Km Länge, 5000 Höhenmeter und das über 4 Berge der HC Kategorie standen im Roadbook. Na dann „Glück auf“. Donnerstag war Anreise und so fuhr ich mit Thomas schon in der Nacht gen Süden. Schon im Tal nach Bourg DÒisans reihte sich ein Rennrad an das nächste. Am Kreisverkehr links und dann das. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Rennräder, soweit das Auge reicht, hoch nach Alpe d`Huez. 11% Steigung, 21 Kehren und das Rad an Rad. Gefühlte 500 Mann (und Frau) quälten sich mehr oder weniger die Steigung hinauf. Unglaublich !! Da soll ich Samstag hoch?? Ihr spinnt wohl!! Da, der Wegweiser. Was? 14 Km? Neee…. Nicht mit mir!!! Nach 9 Stunden Anfahrt (Gott sei Dank mit dem Auto) erreichten wir unser Ziel in Alpe d`Huez auf 1850 Meter Höhe. Ein tolles Appartement hatte Thomas ausgesucht. 500 Meter von Ziel der Bergankunft der Tour de France entfernt. Schon beeindruckend hier oben, vor allem wenn man oben ist. Also, Zimmer belegen, dann etwas essen, einkaufen und die Anmeldung vornehmen. Achim und Keili waren mittlerweile auch eingetroffen. Räder zusammenbauen und überwischen und ab ins Bett. Freitag stand dann nach einem ausgiebigen Frühstück Einrollen auf dem Zettel. „Wir fahren nur eine kleine Runde, so 70 bis 80 Km“. Ich höre es noch in meinen Ohren klingen. Sonne, Temperaturen um 25 Grad und strahlend blauer Himmel ließen meine Zweifel schnell verfliegen. Achtung, Fertig, Los und erst mal runter nach La Garde, ein Örtchen in Kehre 15. Mit 65 Km/h in die Serpentinen, das macht mich Aufmerksam aber die Aussicht und die Abfahrt sind einfach Geil und lassen jeden Zweifel verfliegen.

Dann immer leicht rauf und runter, so um 6% am Bergkamm entlang mit anschließender Abfahrt zur Staumauer in Chambon. Staumauer, Chambon, da war doch was?? Egal. Erst mal ein paar Fotos. Tolle Aussicht, Phantastisch hier. Dann kurze Besprechung und da war es wieder, die Erinnerung an die Staumauer. Hier geht es rauf nach Les Deux Alpes. Das war’s also. Das heißt für mich rund 14 Km den Berg rauf. Immer zwischen 8 bis 10 %. Aber es rollt eigentlich ganz gut für meine 80 Kg. Zwar kann ich das Tempo der anderen nicht halten, muss ich aber auch nicht, bin ja schon was älter. Also, treten, treten, treten. 14 Km, das geht ja. Ist ja schnell erledigt. Dachte ich. Das mein Tacho sich bei ca. 10 Km/h einpendelte bemerkte ich erst später. Nach der ersten viertel Stunde viel es mir auf. Das ist ja noch ne Stunde Bergauf. Das kann doch nicht sein. Wir wollten uns Einfahren und an das Gelände gewöhnen. Puh, das wird hart. Ich überhole Leidensgenossen. Das motiviert mich und ich trete….. Es wird immer wärmer. Trikot auf, Brille weg, trinken, treten, trinken, treten……. dann Ortseingang „Les Deux Alpes“.

Geschafft. Ich bin oben. Oben ?? Ich muss doch noch hoch, nach Hause!! Aber erst mal Pause. Die Anderen bestellen grade. Da komm ich ja noch rechtzeitig. Pause machen, Aussicht genießen und viel trinken. Dann die Frage auf die Ich gewartet hatte. „Fahren wir die selbe Strecke zurück oder von ganz unten??“ Den fährt man ja nur einmal und weis denn schon was morgen ist. Also von ganz unten. Wir sprechen von Alpe d`Huez. Erst aber stand die bis dahin für mich längste Abfahrt an. 25 Km eher mehr als weniger runter. Schnell, schneller, Vollgas!! Dann der Kreisverkehr. Neee. Schei…… Jetzt geht es los. Tschüß Jungs, war ein netter Tag mit Euch. Wir sehen uns zu Hause. 14 Km, 21 Kehren und das zwischen 8 und 11 % Steigung und die erste sind die steilsten. Dies ist nicht mein Gelände und doch, ich überhole Gleichgesinnte. Es ist warm, eher heiß. Die Hitze kommt vom Asphalt zurück. Das Wasser in der Flasche ist warm. Ekelig aber egal. Rein damit. Rhythmus finden, treten, treten, treten. Von Kehre zu Kehre kämpfen. Einige gehen zu Fuß, andere sitzen auf den Mauern in den Kehren. Ich fahre!! Mein Tacho zeigt 7 bis 10 Km/h an. Das heißt die Nummer dauert für mich an die zwei Stunden. Oh Gott, warum nur. Wir wollten uns doch nur warm fahren. Dann ist es vollbracht. Nach 1h48min. bin ich zu Hause. Kaputt aber zu Hause. 80 km und 2300 Höhenmeter und kaputt. Was soll das morgen geben?? Das wäre dann Halbzeit. Au weia!! Beim Abendessen Lagebesprechung. Nicht ich alleine habe Zweifel ob der Richtigkeit unseres Unterfangens. Beschlossen wird: „Wir fahren los und schauen, was passiert“. Also dann. 5 Uhr wecken, anstrapsen, Frühstücken. 5 Gel`s, 5 Riegel, 3 Traubenzucker und so`n klebriger Erdbeerriegel steck ich ein. Mehr geht nicht ins Trikot. Zeitung ins Hemd und um 6:45 Uhr ab ins Tal zum Start in Bourg Dòisans um 7:50 Uhr. Unser Startblock umfasst 4000 Mitstreiter. Pünktlich geht’s los. Achtung, Fertig und ab. Unter dem Startbanner durch, eine Kapelle spielt ein Lied und Hunderte Zuschauer beklatschen den Start. Meine Jungs geben Stoff…. Fahren lassen…. ankommen……wird ein langer Tag……..Nach 12 km wird es langsam ernst. Es geht hoch. Nach mehrmaligen rauf und runter geht’s miteiner Rampe von 12% in die Auffahrt zum „Col de Glandon“ 24 km lang auf 1924 Meter mit Durchschnittlich 9% aber gut fahrbar. Räder soweit das Auge reicht. 8000 Radler müssen ja irgendwo hin. Es macht Spaß, es rollt. Dann, nach ca. einer Std, was ist das? Da steht doch Achim an der Seite. „Was ist?? – Ich habe Rückenschmerzen!! – Komm jetzt, weiter!!“ Mehr Konversation benötigt es nicht und nach einigen Minuten ist Achim bei mir. „Gott sei Dank“ denke ich mir. Zu Zweit geht’s doch leichter. Also weiter. Immer weiter rauf. Es wird warm. Ich esse, ich trinke. Tolle Aussicht. Ein Stausee, Serpentinen, Räder. Dann kommt der Bergsattel in Sichtweite. „da müssen wir hin. Rechts geht’s zu Croix de Fer. Wir fahren links“ sagt Achim.

Eine kurze Abfahrt. Zwei kleine Kehren und wir sind oben. Ok. Der Erste. 1000 Mann an der Pausenstelle. Achim holt Wasser und ab ins Tal. Geile Abfahrt. Kurven, Kühe und Räder, ohne Ende. Was ist das? Mein Rad schlingert! Rahmenbruch???? Ich hätte eine Ausrede!!. Doch nur ein Platter, Hinten. Mist. Neuer Schlauch, dreckige Finger, Abfahrt verbockt, Plätze verloren. Weiter geht’s mit der rasanten Abfahrt. Nach 22 Km sind wir im Tal. Klasse. Pausenstelle. Wasser tanken, essen und weiter. Es wird heiß. Durch ein Tal, große Gruppe, wieso bin ich vorne?? Zurück ins Feld. Die Beine werden schwer. Dann ein aufmunterndes „jetzt geht’s los“ von Achim und ich sehe, was er meint. Ein Wegweiser mit der Aufschrift „Col de Telegraph 12 Km“, „Col de Galibier 34 Km“. Von Km 77 bis Km 92 reiht sich Serpentine an Serpentine. Für mich sind das rund 2 Stunden rauf. Oben ist Halbzeit. Treten, treten, treten. Ich bin Langsam. Ich überhole Leute. Ich fahre. Rhythmus finden. Weiter, weiter. Eins, zwei, eins, zwei. Was ist Rhythmus? Das immer wiederkehrende knarren der Pedale?, das pfeifen meiner Lunge?, der stechende Schmerz im linken Knie?. Achim ist ein wenig schneller. Was ist Zeit? Ankommen, vor allem Oben. Im Schatten sitzen immer mehr Leidensgenossen. Nach ca. 1 ½ Stunden bin ich da. „Col de Telegraph“. Achim steht in der Schlange für Wasser und ruft mir zu. Ich schütte mir die warme Plörre über den Kopf und gebe ihm die leere Flasche. Hunderte um uns herum. Mein Gott, sehe ich auch so fertig aus?? Eine Frau weint vor Schmerz. Wir wollen weiter, da hat Achim platt. Vorne. Jetzt gehen uns auch noch die Schläuche aus. Mist. Kurze Abfahrt, große Verpflegungsstelle. Ein Materialwagen. Wir kaufen Schläuche und weiter geht’s. 17 Km rauf zum Galibier. Also wieder zwei Stunden Bergauf. Achim fahr, ich komme nach. Es geht durch ein Tal 5%, 7%, 6%, 9%. Leute liegen auf der Weise am Straßenrand. Leben die noch? Weiter! Hoch! Links eine Alm. Da liegen Sie in den Sonnenstühlen. Es ist heiß, sehr heiß. Eine Kehre mit Wasserstelle. Also noch mal Tanken, Helm aus, Brille weg denn jetzt geht’s richtig hoch. Es wird immer steiler. Vor mir fällt Einer einfach um! Mit Rennrad an den Füßen fällt der einfach um! Ich kann nicht halten. Die Beine brennen, alles tut weh. Oben wartet Achim. Der Gedanke treibt mich nach oben. Da vorne die Passhöhe, denke ich. Weit gefehlt. Jetzt sehe ich die letzten 2 Km. 10 bis 12 %. Die spinnen, die Franzosen. Wieso die Franzosen? Ich fahre doch hier! Ich spinne! Ich muss runter vom Rad. Die Knie zittern. Ich kann nicht mehr. Achim wartet oben. Es ist kalt. Hatte ich gar nicht bemerkt. Schmelzwasser auf der Straße. Hier liegt ja Schnee. Es ist windig, Gewitter zieht auf. Achim wartet oben. Weiter, weiter, treten, treten. Nach 7h11min. bin ich auf dem Galibier. 2630 Meter hoch. Es sind nur noch 16 Grad.Das Dach der Runde ist erreicht. !6:11 Uhr. Deutschland spielt gegen Argentinien. Das wollte ich eigentlich sehen und habe noch 65 Km vor mir. Und Alpe d`Huez. Achim ist nicht da. Recht so, hier ist es effektiv zu kalt. Also, Mütze und Helm auf, Trikot zu und runter. Wahnsinn diese Abfahrt. Meine Finger sind steif vor Kälte, das bremsen tut weh, egal. Am „Col du Lautaret“ auf 2057 Meter wartet Achim. Es wird wieder warm. Eine Tasse Kaffee erweckt mich und meine Finger wieder zum Leben. Deutschland führt 1:0 durch Müller. Na und? Mir egal. Ich muss weiter. Immer weiter runter, Tolle Abfahrt. Wir lassen es richtig Krachen. Wir überholen ein Wohnmobil. Ein Tunnel. Rein da. Hinter dem Tunnel regnet es in Strömen. Uns bleibt auch nichts erspart. Der nächste Tunnel. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Egal wenn’s Knallt. Weiter. Die Staumauer nach „Les Deux Alpe“, weiter. Kurze Gegensteigung und weiter runter. Dann der Kreisel in Bourg d Òisans. Das heißt: 14 Km rauf. Ich weis ja, was mich erwartet. Tschüß Achim. Bis heute Abend. Es ist 18 Uhr. Ich schaffe es bis in die erste Kehre. Stopp. Helm aus, Brille aus, Unterhemd aus. Das letzte Gel, ein tiefer Schluck aus der Pulle, sammeln und weiter. Ich kämpfe mich von Kehre zu Kehre.

Es ist definitiv zu Heiß zum Radfahren. Der Asphalt flimmert. Rhythmus, Treten, Schmerzen, weiter, hoch. Und ich überhole immer noch Gleichgesinnte. Es ist der Wahnsinn. In den Kehren, auf den Mauern sitzen Fahrer Schulter an Schulter. Andere liegen auf der Straße vor den Leitplanken, einer hängt über der Leitplanke und lässt sich unter Gebrüll den Tag durch den Kopf gehen. Kehre 9. Ich kann nicht mehr. Einer steht auf. Der Platz ist mir. Ich sitze auf der Mauer. So viele schieben ihre Karbonräder. Das gibt’s doch nicht. Geld alleine bringt dich halt doch keinen Berg hinauf. Ich fahre weiter. Kehre für Kehre. Eine Frau duscht in einem kleinen Bergwasserfall. Die Hitze ist unerträglich. Trinken, trinken. Noch 3 Km, Ich sehe das Ortsschild. Sprinten? Mit wem? Warum? für was? Ankommen zählt, nur ankommen. Das schaff ich. Ist nicht mehr weit. Noch 2 Km. Die Fotographen in Kehre 2 springen mir vor mein Rad. Sind die doof?? Letzte Kehre. Hoch, Komm, das geht.

Ich sehe die ersten Restaurants an der Strecke. Zuschauer, Sie klatschen, feuern jeden an, der kommt. Durch den kleinen Tunnel im Ort auf die Zielgrade. Zwei Fahrer überholen mich noch. Egal, ich sehe das Ziel. Aufsetzen, Trikot zu, Arme hoch….. geht alles nicht mehr. Bin fertig, platt, leer aber irgendwie glücklich. Ich hab`s geschafft. La Marmotte ist mir, mein Murmeltier. Gesund und Sturzfrei bin ich wieder da. Zeit egal, war lange, sehr lange aber alles gefahren. Transponder abgeben, Urkunde holen, Gabi anrufen. Alles wie in Trance. Dann nach Hause. Die Jungs erwarten mich schon, päppeln mich auf. Sonntag war dann „Wunden“ lecken. Drei Tage hab ich dann gegessen um meine 10000 cal. wieder rein zu bekommen. Montags ging es dann nach Hause. Mit kurzen Stopp bei der Tour in Belgien ging dann ein perfektes langes Wochenende zu ende.

Danke an meine Jungs, Respekt all denen, die diese Nummer gefahren sind.

Euer Frank.

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One Response to Der alte Wolf hat doch noch Zähne !!

  1. Schulzibaer sagt:

    Hallo zusammen,
    ein sehr interessanter Erfahrungsbericht!
    Ich kann ihn sehr gut nachvollziehen. :O)
    Meinen könnt ihr unter http://www.cycling-team-essen.de/sonstiges/la-marmotte-2010/index.html
    nachlesen.
    Das war schon ein knallhartes Ding!
    Gruß aus Essen,
    Michael Schulz