„Ich will Berge“ sagt sich Marc und dann soll der Marc zum Geburtstag auch seine Berge bekommen. Also ging’s auf Abenteuerreise in den Südzipfel Hessens und – damit keine Langeweile aufkommen konnte – auf dem Rückweg noch schnell in die Pfalz. Rund im Odenwald ist laut dem Veranstalter, der RSG Frankfurt, das anspruchsvollste Eintagesrennen für C-Fahrer der Republik, mit knapp 2000 Höhenmetern, schön verteilt auf 112km und einer echten Bergankunft. Das kann ich jetzt wohl unterschreiben. Und weil’s wirklich so schön war hab ich mich nicht lumpen lassen und mir auch gleich noch mein eigenes zusätzliches und ganz und gar unerwartetes Geschenk gemacht.



Marc kaputt aber glücklich im Ziel (Foto von www.suedhessenfotos.de)
Doch fangen wir ganz zu Anfang an. Samstagmorgen machte ich mich zusammen mit der Sprint- und Rundstreckenkanone Michael Schulz von Liga Köln auf die Reise. Entspannt, gut gelaunt und bei bestem, ja fast zu guten Wetter und weit über 30°C Hitze ging es sofort nach dem Start in den ersten Berg, gut 300 Höhenmeter, Gott sei Dank später schattig und sofort wird klar: das wird heute nur bedingt spaßig… Die folgende Abfahrt zieht sich wunderbar dahin, man kann richtig laufen lassen. Die Renners vorne finden’s lustig, es wird dann trotz der Anspannung viel gelacht. Die A/B Fahrer, die ein paar Minuten nach uns gestartet sind strahlen herein aber nicht vorbei, schließlich ist heute noch ein bisschen zu fahren.

Ein kurzer Gegenanstieg, ok, allein diese Teerblase von 100 Höhenmetern wird in anderen Rennen als „Berg“ verkauft, wieder in Serpentinen bergab und in die offizielle Bergwertung des Tages. Hinten gehen bereits viele Rennfahrer fliegen und vorne ist Schluss mit Lustig. Verkrampfte Gesichter, pfeifende Lungen und es tat dann auch verdammt weh. Dummerweise war ich nicht ganz vorne und vor mir lassen einige ein Loch reißen, verdammt, war’s das schon? Ich will nicht unnötig Körner verschießen. Es wäre verrückt, das Loch sofort allein zu schließen, also lass ich es sein. „Vorne fahren nur Wasserträger“ hat mich kürzlich ein anderer Rennfahrer gelehrt und er hatte Recht. Zum Glück finden sich 6-7 Fahrer, die sich mit mir in die Verfolgung begeben. Wir kommen in der Abfahrt näher ran, noch ein Gegenanstieg und oben heißt es gruppo compatto. Puh, noch mal gut gegangen.

Auf in den nächsten Berg, auch die Fahrer vorn zeigen erste Schwächen. Ich fahre nun immer unter den ersten 20, gerade so aus dem Wind, immer bereit eine Attacke mitzugehen. Aber stattdessen wird konstant schnell gefahren, auch die A/B hält sich zurück, soweit alles im Lack. Dann die Abfahrt ins Tal Richtung Erbach, wo gestartet wurde, ich bin ganz vorne, ein paar Fahrer zucken, ich gehe mit. Ich frage mich gerade, wo die guten Jungs bleiben und da sind sie plötzlich alle um mich herum. Ganz schön komisches Gefühl…

Wir befinden uns im finalen Anstieg, das Schild rechts zeigt die 10km Marke an und es wird schnell. Nichts wie ab auf die schattige Seite und treten, treten, treten. Ich halte Ausschau nach den gelben Rückennummern, die uns C-Luschen markieren, sehe aber praktisch nur noch die Weißen der A/B. Die Schmerzen werden heftiger, der Berg nimmt kein Ende. Ich muss wohl träumen, ich lese unsere Namen auf der Straße, „Marc“ und „Michael“, in gelb, ein paar mal nacheinander. Ist es denn schon so schlimm um mich bestellt? Ich fahre zusammen mit Karsten Keunecke von Jahn Siegen, seines Zeichens A-Amateur, der dieses Jahr bereits diverse UCI 2.2 Rundfahrten vom Kaliber Vuelta Ciclista a Costa Rica und Tour of Thailand beendet hat. Er zieht mich, ich ziehe ihn, vor allem aber hält er mich am Leben.

Ich sehe verschwommen das Schild der 5 Kilometer Marke und auch nur noch 2 gelbe C-Nummern, der Rest ist weiß – und ich bin dunkelgrau. Oh nein, wenn die jetzt alle an mir vorbeifahren und ernst machen, dann war alles umsonst. Aber es fährt kein einziger an mir vorbei, nein ich fahre vorbei an einigen A/B’lern. Karsten drückt, ich kurble weiterhin mit sehr hoher Frequenz, nein, die Beine dürfen auf keinen Fall zugehen, niemals! Noch 4 Kilometer, der Berg will einfach nicht enden, die Schmerzen sind unerträglich, jetzt einfach tot umfallen und es wäre vorbei. Nochmal denke ich, ich fantasiere, „Marc, Marc, Marc…!“ höre ich Stimmen rufen, es sind Gordian und Nico Görgens, die sich mit dem Auto ins Tross der Begleitfahrzeuge geschmuggelt haben und mich heftigst anfeuern. Ich trinke ein paar Schlucke von der Cola, die mir Nico anreicht. Die beiden haben allen Ernstes auch unsere Namen in großen Lettern auf die Straße geschrieben. Jungs, Ihr seid die Allergrößten für mich!

Noch drei Kilometer, es wird ein wenig flacher, Gott sei Dank! Karsten geht nach vorne, er fährt den ganz dicken Gang, Hammer! Ich haue ebenfalls rein, was geht, und nein, ich schaue mich nicht um, ich will’s gar nicht wissen. Es geht von der breiten Straße rechts ab in eine kurze aber heftige Abfahrt über nur gut 3 Meter breite Waldsträßchen und in engen von Schotter rutschigen Spitzkehren und richtig schnellen Kurven bis auf 70km/h. Auch das ist die Hölle! Zum Glück fährt Karsten vor, ich versteuere mich halb, kriege noch die Kurve und weiter geht die Jagd.

Oh mein Gott, wer hat denn da die Straße an die Wand genagelt?!? Vor mir nur noch Asphalt, fast senkrecht bergauf, verdammte Scheiße! Karstens Tritte werden jetzt langsamer, er ist total platt. Er hat für mich alles gegeben, ich danke ihm, so gut ich gerade kann, haue ihm kurz auf den Rücken, feuere ihn an, doch er ist fertig. Und dann waren da nur noch Schmerzen, ich explodiere fast, alles explodiert – 18%! Aber schon 400 Meter weiter sehe ich am Horizont, ganz oben das Zielbanner. Ich schaue mich zum ersten mal um. Da ist gar keiner mehr. Ich schalte runter, nehme den Druck raus, trete wie in Trance. Mit flatterndem, offenen Trikot überquere ich die Linie, es ist geschafft, „Das ist ein Wunder“ stammle ich. Der Streckensprecher schnappt das auf und wiederholt es übers Mikrofon. Ich wähne mich da oben im Himmel, im wörtlichen Sinne!

Irgendwie haben es noch drei Oberkanonen der C geschafft, mit den Allerbesten mitzufahren. So werde ich Sechster im Odenwald, einem Monument des Amateurradsports, und bin todglücklich. Es ist unfassbar!


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Dafür landete ich nach einer Nacht fast ohne Schlaf wegen der unerträglichen Hitze im Hotelzimmer am Sonntag in Boladen wieder ganz schnell auf dem Boden der Tatsachen. Hier ist das Rennen für mich wieder mal schnell erzählt. Bolanden ist eine 7,7km Runde, die eigentlich nur aus einem 10% Berg vor Start und Ziel besteht, der Rest ist rollen und ein bisschen treten. Die Beine wollten nicht so wie ich und so fuhr ich schön mit, nur um mich am Berg von ganz vorn ein wenig nach hinten reichen zu lassen und das Runde für Runde. In der letzten Runde noch mal eine harte Attacke für die Galerie und als Vierter in den Berg nur um einsehen zu müssen, dass es keinen Zweck hat. Also Gang raus und als Viertletzter (oder so…) raus aus dem Berg und über die Linie.

Ich kann halt keine Berge fahren!!!

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5 Responses to Rund im Odenwald und 40. Großer Straßenpreis des Donnersbergkreises Bolanden

  1. tobi sagt:

    Starke Leistung bei diesem Sackschweren rennen-RESPEKT

  2. Daniel sagt:

    wieder mal ein packender Bericht unseres Pressevertreters!!!

    Klasse Ergebniss, super so wirds ja doch noch dieses Jahr zwei B-Kometen geben.

    Auch zum neuen Lebensjahr nur das Beste, vor allem privat mehr Ruhe, dann kommt der Rest von alleine.

    LG Daniel

  3. Achim Michels sagt:

    Glückwunsch Marc – dies ist wirklich ein tolles Ergebnis bei einem megaschweren Rennen – da im Odenwald haben schon einige ihr Waterloo erlebt.
    Weiter so – Viele Grüße Achim

  4. Julchen sagt:

    sehr schön Marc ! Jetzt nur noch 3x und auch du bist B Fahrer.
    Das schaffst du auch noch, oder ?

  5. Anonymous sagt:

    Hallo Marc,
    schön geschriebener Bericht. Zu deiner Leistung muss man nichts mehr sagen.
    Gruß,
    Karsten